Drei Tage bevor unser Flug nach Patagonien ging, rief mich spät abends mein Kollege Olaf an und sagte mir, dass eine Katastrophe passiert ist. Zuerst dachte ich, dass dies wohl ein Witz sei, aber als ich am nächsten Tag bei ihm vorbei kam, konnte ich mit eigenen Augen sehen, dass er seinen rechten Fuß stark verletzt hat. Gebrochen war er wohl nicht, aber eine Bänderdehnung ganz bestimmt. Wir hatten jetzt noch einen Tag Zeit um zu entscheiden, ob wir die Expedition antreten wollen oder nicht – bzw. der Olaf, denn was konnte ich schon entscheiden? Nach 36 Stunden intensiver Behandlung besserte sich der Fuß ein wenig und die Entscheidung stand daher fest: wir starten. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, denn ich wollte natürlich ungern eine Expedition beginnen, die nach ein paar Tagen wegen Fußproblemen abgebrochen werden muss.
Am 8. Oktober ging es nun also ab Berlin Tegel los. Diesmal hatten wir uns dazu entschlossen, das ganze Gepäck mitzunehmen und nichts vorzuschicken. Das bedeutet viel Übergepäck und demnach viel Stress. Denn ich hatte mich zwar gründlich bezüglich Übergepäckkosten vorbereitet, aber davon wusste die nette Dame am Check-In natürlich nichts. Zuerst wollte Sie von uns mal eben ca. 800,- Euro für das Gepäck und konnte erst nach ewigem rumtelefonieren davon überzeugt werden, dass die Bestimmungen auch andere Möglichkeiten bieten. Und im Endeffekt mussten wir zusammen auch nur 140,- Euro bezahlen!
Über Madrid ging es dann nach Santiago de Chile. Dort mussten wir das ganze Gepäck durch den Zoll bringen und wieder einchecken. Wir packten uns diesmal besonders viel in unser Handgepäck, da wir ab hier normale Übergepäckgebühren zahlen müssen – so meine Recherchen. Ich hatte also fast unser ganzes Essen (klein und schwer) dabei und bin mit meinen Skistiefeln dort aufgelaufen. Das Gewicht hat diesmal aber gar nicht interessiert, sondern nur, dass wir jeweils ein Gepäckstück zu viel hatten. Das sollte uns nur recht sein, denn dies war nicht so teuer. Aber verstehen kann man dies alles nicht. Nach fast 24 Stunden Anreise kamen wir in Balmaceda an. Ein kleiner Flughafen in der patagonischen Pampa, der uns von der Landschaft und den klimatischen Bedingungen schön einstimmte. Mit einem Taxi geht es nach Coyhaque, wo wir in einer kleinen familiengeführten Herberge unterkommen.
Leichter Regen und Nebel hüllt den Ort in eine ganz besondere Atmosphäre, die mich stark an Norwegen erinnert und ich fühle mich daher gleich etwas heimischer – auch wenn mir die Sprache noch etwas Kopfzerbrechen bereitet. Ich lasse mich durch den Ort treiben und versuche erst einmal, mich einzuleben und anzukommen. Am Abend gibt es ein leckeres Essen und Bier in einer dunklen Kneipe, bis wir uns müde in unsere Betten legen.
Ab heute startet der zweite Teil der Anreise: Diesmal mit dem Bus weiter in den Süden. Wir fahren zuerst nach Cochrane, wo wir einmal übernachten, das letzte Mal einkaufen und die Qualifikation der chilenischen Fußballnationalmannschaft für die WM 2010 miterleben dürfen. Dann geht es weiter nach Tortel. Die Straße ist jetzt nur noch ein Schotterweg und die Landschaft wird immer grandioser. Wir folgen dem Rio Baker und kommen immer tiefer in einen Urwald, der undurchdringlich scheint und den ich eher im Dschungel vermutet hätte als hier in diesem nasskalten Klima.
Angekommen in Tortel, ist es vorbei mit dem Fahren. Denn in diesem Ort gibt es keine Straßen. Tortel liegt in einer Bucht direkt am Meer und Holzstege verbinden die Häuser, die auf Stelzen an dem Berghängen kleben. Dieser Ort hat also wirklich Charme und auch unsere Unterkunft genauso wie unser Wirt: Aliro. Der wohl dickste Mann des Ortes, kommt immer wieder zu uns um sich mit uns zu unterhalten und sich an unserem Ofen aufzuwärmen. Meine spanisch Kenntnisse sind aber so minimal, dass ich immer schon Angst habe, wenn er rein kommt, denn dann heißt es wieder alles zu geben – denn mein Kollege Olaf kann leider kein einziges Wort Spanisch.
Tortel ist auch der Ort, an dem wir uns aus der Zivilisation verabschieden und uns dementsprechend bei der Polizei und der Marine anmelden und registrieren müssen. Alles klappt einigermaßen gut und nach drei Tagen bringt uns Aliro mit seinem Freund Pablo zu unserem Expeditions-Startpunkt. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und so können wir eine traumhafte Sicht auf die umliegenden Berge genießen. In langsamer Fahrt geht es in einem selbst zusammen geflickten Boot durch die Fjorde Patagoniens. Es wird uns sogar ein warmes Essen serviert – mit Blick auf kleine Eisberge die vom Jorge-Montt Gletscher abgebrochen sind.
Nach sechs Stunden Fahrt landen wir an einem einsamen Strand. Pablo gibt uns noch einen Tipp, wo wir am besten lang laufen sollen und schon sind wir allein. Wir bauen unser Zelt auf, genießen die einmalige Kulisse und packen dann unsere Rucksäcke. Wir wollen heute noch eine Ladung Ausrüstung bis an das Ende eines großen Sees bringen. Wir können dazu einen kleinen Pfad nützen und nach zwei Stunden haben wir es geschafft. Ich bin heilfroh als ich den Rucksack abnehmen kann, denn der ist einfach sauschwer. Auch muss ich feststellen, dass die Plastikplatte des Hüftgurtes gebrochen ist und mir auch deswegen der Rucksack sehr schwer vorkam. Auf dem Rückweg kann ich nun endlich die Aussicht genießen und wir verbringen noch einen schönen Abend an einem kleinen Feuer sitzend in unserer verlassen Bucht in Patagonien.
Am nächsten Morgen packen wir uns den Rest der Ausrüstung in die Rucksäcke und laufen den uns bekannten Weg zum See. Ab jetzt haben wir keinen Pfad mehr zur Verfügung und müssen uns den Weg selber suchen. Nach langem hin und her entscheiden wir uns über eine Kuppe zu laufen um von dort aus, den nächsten See zu erreichen. Ob dies nun eine gute Wahl war, weiß man natürlich erst, wenn man eine Alternativroute gelaufen ist. Zumindest stellt sich das Gestrüpp nach einiger Zeit als kaum passierbar heraus und wir kommen richtig in schwitzen.
Es geht steil bergauf und dies mit einer Last, die kaum zu tragen ist. Teilweise müssen wir mit allen vieren „klettern“, ziehen uns an Sträuchern hoch und zerkratzen uns die Arme und Hände an dem stacheligen Gestrüpp. Nach ein paar Stunden geben wir auf und bauen unser Zelt in einer moorastigen Senke auf. Erst am nächsten Tag schaffen wir es, den angepeilten See zu erreichen. Diesmal verteilen wir die Last auf drei Touren, so müssen wir zwar erheblich mehr laufen, kommen aber in dem extrem unwegsamen Gelände einfach besser voran. An unserem zweiten See können wir auch wieder einen Pfad erkennen, der wohl von früheren Expeditionen genützt wurde. Denn alle Expeditionen die am Jorge-Montt Gletscher starten, nützen diese Täler um das Inlandeis zu erreichen.
Traumhaft schön liegt unser Zelt in diesem Tal. Wir nützen das schöne Wetter auch, um uns kurz in dem kalten See zu waschen – wir genießen unser Glück mit dem außergewöhnlichen patagonischem Wetter. Laut unserer Karte von 1982 sollten wir schon nach einem halben Kilometer einen Gletscher erreichen. Diesen gibt es aber nicht mehr. Der hat sich über drei Kilometer zurückgezogen und so schleppen wir unsere Lasten auf einen Pass und können von dort oben zum ersten Mal richtig den Jorge-Montt Gletscher betrachten. Der Gletscher liegt cirka 300 Höhenmeter unter uns und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der sich vor 27 Jahren noch über diesen Pass gewälzt hat. Der Gletscher ist riesig und stark zerrissen. Wir fragen uns, wie wir da nur voran kommen sollen? Aber ich denke mir, wenn andere den schon genützt haben, werden wir es auch schaffen und über den Gletscher zum Plateau zu kommen.
Wir schnallen die Skier und die Pulka an und los geht es. Durch ein kleines Tal und über einen zugefrorenen See geht es hinab zum Gletscher. Der Schnee wird wieder weniger und so müssen wir ein weiteres Mal unsere Ausrüstung umpacken und runter tragen. Und endlich haben wir es geschafft. Nach fünf Tagen harter Schlepperei durch teilweise extrem unzugängliches Gelände und 13 Kilometer Strecke (gelaufen sind wir aber mit allem hin und zurück tatsächlich 42 km!) stehen wir auf dem Gletscher, der uns den Zugang zum Plateau verschaffen soll. Wir laufen noch ein wenig weiter, aber bald bauen wir unser Zelt das erste Mal auf Schnee auf. Wir sind ziemlich nass, denn das richtige patagonische Wetter hat uns nun wieder gepackt mit Regen, Schnee und starkem Wind.
Auch am nächsten Morgen sieht es nicht sehr gastlich draußen aus, aber was soll's – besser wird es nur in Ausnahmefällen. Und so geht es im Zick-Zack durch spaltenreiches Gebiet. Der Schnee ist sehr tief und klatschnass, so dass es harte Arbeit ist, die immer noch schwere Pulka durch den aufgeweichten Schnee zu ziehen. Wir halten uns an dem westlichen Rand des Gletschers und schaffen am ersten Tag auf dem Eis gute 5 km. Nun müssen wir uns langsam über den Gletscher empor tasten, denn der Aufstieg auf das Plateau ist nur an einer Stelle gut möglich.
Das Wetter lässt nicht ausreichend Sicht zu, so dass ich vorne häufig zum Kompass greifen muss um die Richtung zu halten. Auch ist die Sicht im näheren Umkreis extrem diffus und es ist sehr schwierig die Spalten frühzeitig zu erkennen und gut zu umgehen. So müssen wir immer wieder die Pulkas abschnallen und einen passenden Weg finden. Oft steht man vor einer Spalte, kann aber nicht erkennen, ob es rechts oder links davon weitergeht. Wir tasten uns mit unseren Skistöcken voran oder werfen Schneebälle um einen Kontrast im ewigen Weiß zu schaffen. Daher können wir auch mit einer Strecke von wieder fünf Kilometern recht zufrieden sein. Erst am darauf folgenden Tag verschlechtert sich die Sicht so stark, dass wir den Einstieg in die „Rampe“ (-hoch zum Plateau) nicht finden können und so geben wir nach einigen Stunden und 1,6 Kilometern auf.
Dieses Wetter hält sich auch am folgenden Tag. Wir versuchen es zwar, als es mal aufreißt, müssen aber bald frustriert feststellen, dass es keinen Zweck hat. Denn westlich der Rampe ist es zu steil und östlich davon ist der Gletscher zu stark aufgerissen um voranzukommen. Es bleibt uns keine andere Wahl als so lange zu Warten, bis wir mit einigermaßen guter Sicht den Aufstieg schaffen. Dies scheint am darauf folgend Tag so weit zu sein. Wir können gut sehen und starten den Aufstieg. Die Rampe wird aber im steiler, so dass wir bald die Skier abschnallen müssen. Dann geht es auch nicht mehr zu Fuß weiter. Ich gehe ohne Ski und Pulka voraus und suche einen Weg. Dann ziehen wir die Pulkas mit dem Seil hoch. Das Wetter hat sich schon wieder verschlechtert. Wir warten weiter auf bessere Sicht, denn noch haben wir den gefährlichen Teil nicht geschafft. Aber das Wetter ist uns nicht gnädig und so müssen wir bei aufkommendem Sturm wieder früh unser Zelt aufbauen. Nur 700 Meter Luftlinie haben wir heute geschafft, dafür aber 180 Höhenmeter realisiert. Wir bauen heute eine extra hohe Mauer um unser Zelt herum, trotzdem ist es recht laut in unserem Tunnelzelt, welches uns aber gut beschützt.
Die Belohnung für diese tagelange Warterei bekommen wir am folgenden Morgen. Zu unseren Füßen breitet sich der ganze Jorge-Montt Gletscher aus, wir können alle umgebenden Berge sehen und haben eine wunderbare Sicht auf die vor uns liegende Strecke. Schnell starten wir und ziehen unsere Spur in Serpentinen den Berg hinauf. Der Schnee ist zwar noch ziemlich klebrig und pappt andauernd an den Skifellen fest, aber es ist schön endlich mal wieder etwas zu sehen und gut voran zu kommen. Heute schaffen wir es auf das Plateau und können nach 10 Kilometern zufrieden unser Zelt aufbauen. Auch wird es nun schlagartig kälter. Wir sind auf knapp 1400 Meter Höhe und über uns ist ein klarer Sternenhimmel zu sehen. Minus 14° C messen wir heute Nacht. Zwar nicht besonders kalt, aber doch ein merklicher Unterschied zu dem nass-kalten Wetter welches wir bisher erlebt haben.
Auch der kommenden Tag beschert uns schönes Wetter und so können wir unbeschwert und zügig laufen und dabei die Aussicht auf die umliegenden Berge genießen. Am Ende des Tages zieht es sich wieder zu. Aber wir haben heute einen großen Schritt in Richtung unseres Zieles gemacht und so lassen wir uns davon nicht die Laune verderben. Wir packen auch noch einmal kurz die Parawings aus, denn der Wind hat gedreht und kommt nun leicht von hinten. Es zieht sich aber immer mehr zu, so dass wir nach 24 Kilometern endgültig aufhören. Im Zelt liegend merke ich, dass der Wind immer mehr zunimmt. Ich bin aber zu faul, noch mal raus zu gehen um eine Schneemauer zu bauen. Erst am nächsten Morgen wird mir klar, dass dies ein Sturm ist, der da über uns hinwegsaust und ganz ordentlich an unserem Zelt rüttelt und zerrt.
Also muss ich nun doch noch raus und nach dem die Schneemauer steht, wird es wieder angenehmer im Zelt. Der Sturm hält uns den ganzen Tag fest und lässt erst in der nächsten Nacht etwas nach. Frisch und ausgeruht können wir in den nächsten Tag starten. Gleich packen wir unsere Parawings aus und segeln los. Ich kann zwar nicht viel sehen, aber trotzdem machen wir gut Strecke. In einem White-Out zu segeln ist besonders anstrengend, denn zum einen muss ich auf den Parawing achten und auf die Richtung und meine Skier. Denn der Schnee ist nicht gleichmäßig und verlangt somit hohe Konzentration. Zum Glück schaut nach einiger Zeit die Sonnen durch ein paar Wolkenritzen hervor und wir können nun endlich auch mal bei Sicht segeln. Typisch Patagonien, wechselt dies nun im Halbstunden Takt. Auch die Windstärke variiert erheblich, so dass wir immer wieder die Parawings einpacken müssen, da der Wind zu stark ist. Wir erreichen heute sogar den Corridor Hickens , einen flachen Pass, der uns Morgen oder Übermorgen zum Plateau vor dem Cerro Torre bringen müsste. Insgesamt 29 Kilometer sind wir heute gesegelt und gelaufen – nicht schlecht bei diesen doch recht anspruchsvollen Bedingungen.
Mit Spannung warten wir jetzt auf den Tag, an dem wir am Fitz Roy und am Cerro Torre vorbeilaufen werden. Denn diese beiden Berge sind so beeindruckend und so viel größer als die umliegenden, dass dies ein faszinierendes Schauspiel sein muss. Aber wir brauchen dafür gute Sicht und die ist hier oben doch sehr selten. Wir laufen den Corridor Hickens weiter gen Süden. Zwei Stunden im starken Wind, dann bricht die Sonne durch und auf einmal hört der Wind ganz auf. Ich verbrenne fast in meinen Kleider so heiß ist es und stehe bald mit freien Oberkörper da. Zehn Minuten später kommt aber wieder Wind auf und gleich ist es wieder so kalt, dass man mehrere Schichten übereinander benötigt. Das Wetter hier oben spielt verrückt und manchmal kommt man mit dem Wechseln der Kleider gar nicht nach.
Da wir unbedingt den Cerro Torre sehen wollen, laufen wir nicht im Nebel daran vorbei, sondern lassen uns etwas Zeit. So können wir zwei Tage später endlich einen Erfolg vermelden. Wir stehen in der Ebene direkt vor dem Cerro Torre und immer wieder lässt sich dieser Berg, der unter Kletterern zu einem der schwersten Berge weltweit gehört, kurz blicken, verschwindet aber gleich wieder hinter Wolken.
Wir bauen unser Zelt hinter einer großen Schneemauer auf und warten weiter. Aber mehr als nur kurzzeitig, werden wir diesen Berg nicht sehen. Der nächste Tag (16.) soll nun der letzte auf dem Plateau werden. Heute wollen wir zum Paso del Viento absteigen. Über Nacht hat es stark geschneit und so kommen wir in tiefem Schnee nur langsam vorwärts. Bald erreichen wir wieder Gletscherspalten und müssen uns mühsam einen sicheren Weg hindurch suchen. Diesmal geht es aber hauptsächlich runter, was die ganze Angelegenheit deutlich vereinfacht. Gegen Nachmittag betreten wir wieder „festes Land“ und deponieren einen Teil unsererAusrüstung an der zugefrorenen Laguna de los Esquies und machen uns zu Fuß auf den Weg Richtung Paso del Viento .
Der Weg ist durch Steinmännchen markiert und führt über viel Geröll durch ein ansteigendes Tal, bis wir wieder absteigen müssen und die Laguna Ferrari erreichen. Dort lassen wir es für heute gut sein, denn bis über den Pass scheint es wohl doch zu lang zu werden. Auch dieser See ist zugefroren und die ganze Gegend macht einen sehr abweisenden und kalten Eindruck, obwohl in diesen Breitengraden der Frühling ja schon Einzug gehalten hat. Davon merkt man hier oben auf über 1100 Meter aber nichts.
Ich bin gespannt, wie es hinter dem Pass aussieht, denn dort wartet ein ganz anderes Klima auf uns. Davor müssen wir aber noch einmal zurück, um die restliche Ausrüstung zu holen. Der Wind wird immer stärker und bläst einen mitsamt der Pulka fast um. Ich ziehe meine Pulka auf allen Schneefeldern daher hinter mir her, denn dieses wackelnde schwere Rucksackgewicht geht mir gehörig auf die Nerven. Richtig schwierig wird es aber erst im Aufstieg zum Paso del Viento , der seinem Namen heute alle Ehre macht. Immer wieder kommen Sturmböen angesaust, die einen fast von den Beinen reißen. Aufgestützt auf die Skistöcke warten wir diese Böen ab um dann schnell weiter zu gehen.
Der Aufstieg ist steil und nicht ganz ungefährlich, denn der Schnee ist hart und wenn man hier wegrutscht, wird man erst nach 300 Höhenmetern von der Lagune gebremst, wenn man nicht schon unterwegs Bekanntschaft mit den Felsen gemacht hat. Oben auf dem Pass weht der Wind noch stärker und so beeilen wir uns schnell abzusteigen. Aber hier ist der Weg nach unten fast noch gefährlicher, denn der Hang geht viele hundert Höhenmeter steil nach unten und bietet kaum Halt. Ängstlich folge ich dem kleinen, teilweise zugeschneiten, Pfad, der uns immer weiter nach unten führt. In der Ferne kann ich schon die Laguna Toro und das grüne Tal des Rio Tunel sehen. Bis dahin müssen wir aber noch mächtig kämpfen, denn der Weg zieht sich und wir müssen noch einen Gletscher überqueren. Dieses gestaltet sich aber als recht einfach und nach einer Stunde sind wir fast da. Aber auch nur fast, denn der Abstieg vom Gletscher zur Laguna gestaltet sich kompliziert. Eine steile Felswand müssen wir absteigen und dann durch einen Canyon, der uns auf ein großes Geröllfeld bringt. Nach zwei Flussdurchquerungen erreichen wir endlich die Laguna Toro , wo wir erschöpft unser Zelt aufbauen. Der Wind rüttelt unbarmherzig an unserem Zelt und auch Steine mit ca. 40 Kilo die an den Abspannschnüren hängen werden immer wieder weggezogen. Wir sind beide sehr erschöpft und können uns kaum vorstellen, am nächsten Tag noch einmal auf den Pass zu laufen um das restliche Gepäck zu holen.
Nach einem erholsamen Schlaf und morgendlicher Windstille, raffen wir uns aber wieder auf und beginnen den Aufstieg von 600 Meter Höhe über den 1400 Meter hohen Pass zur Laguna Ferrari . Das Wetter meint es heute wieder gut mit uns, und so können wir bei strahlendem Sonnenschein den Aufstieg recht schnell realisieren. Auch runter geht es diesmal schneller, da wir den besten Weg nun schon kennen. Was ich am Vortag nicht gesehen hatte, war, dass hinter einem kleinen Hügel der erste Wald beginnt und wir dort fast windgeschützt campieren können. So baue ich unser Zelt wieder ab und verlege unser Camp um 500 Meter. Wir verbringen dort einen sehr entspannten Abend, nützen die Zeit um unsere Sachen zu trocknen und erfreuen uns an dem Anblick der typischen patagonischen Bäume.
Nun beginnt der letzte Tag unserer Expedition. Wir lassen wieder einen Teil der Ausrüstung liegen und machen uns entlang des Rio Tunel auf. Der Weg ist schön zu gehen und das Grün, die Bäume und Sträucher tun uns gut. Es ist doch immer wieder schön, wenn man nach vielen Tagen auf dem Eis, wieder Leben sieht. Nach einem letzten Aufstieg geht es lange durch einen dichten Urwald bis wir langsam absteigen und nach sechs Stunden El Chaltén erreichen. Wir sind ziemlich platt und froh, als wir unsere Herberge, das Rancho Grande , erreichen. Nach einer erfrischenden Dusche genehmigen wir uns unser erstes Bier und ein ordentliches Essen und ziehen Bilanz.
Wir waren genau 20 Tage unterwegs und haben in dieser Zeit 160 Kilometer zurückgelegt. Dies ist nicht viel, zeigt aber, wie anspruchsvoll das Gelände ist. Olafs Fuß hat dank des großzügigen Einsatzes von Medizin gehalten und zusammen haben wir eine der spannendsten und wildesten Regionen unserer Welt erkundet.
Wer dies auch einmal erleben möchte, kann sich gerne in unserem Patagonien Special über Reisen nach Chile und Argentinien erkundigen.
Georg Sichelschmidt Storslett, Dezember 2009 |